Alle Macht der Presse

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Die Presse ist die vierte Gewalt im Staat. Neben Exekutive, Judikative und Legislative sind es Zeitungen, Fernsehen und mittlerweile auch Presseorgane wie dieses hier im Internet, die Werte und Normen innerhalb der Gesellschaft bestimmen. Vor allem aber ist die Presse immer mehr in Richtung Judikative gerückt: sie spricht Recht. Sie verurteilt, grenzt aus, bestraft und begnadigt. Nicht unparteilich und nach Auswertung aller Fakten, objektiv und verhältnismäßig. Vielmehr einseitig, subjektiv und publikumswirksam. Sensationen müssen her, auch wenn die Objektivität und Wahrheit auf der Strecke bleibt.

Es geht um Einschaltquoten, Leserzahlen und die ständig gehetzten Mitarbeiter von der Anzeigenabteilung, die die eigentlich selbständige und unabhängige Chefredaktion nach ihren Wünschen delegieren und redigieren. Redaktionelle Beiträge, die nicht im Einklang mit werbenden Kunden stehen, bleiben auf der Strecke. In Beiträgen verpackte und einseitig beschreibende Produktbroschüren lassen einen redlichen Chefredakteur grün anlaufen, aber die Kassen klingeln.

Vor allem aber geht es um Sensationen. Schnelle Sensationen. Sensationelle Neuigkeiten zuerst beim eigenen Presseorgan, dann bei den anderen. Mit gleichzeitiger Absteckung des Reviers und konkreter Definition: Wer von den in der Sensation dargestellten Persönlichkeiten ist gut, wer böse. Und je extremer die Darstellungsweise, desto plakativer und einsichtiger die Botschaft für den Leser oder Zuschauer. Reviermarkierung der Presse mit unterschwelliger Ansage nicht nur an den Leser bzw. Zuschauer, sondern auch an die Konkurrenz:

Führe, Folge oder geh aus dem Weg.

Jüngste Beispiele sind nicht nur die Fehltritte des größten Nachrichtenmediums der Welt: CNN kürte einen Präsidenten der Vereinigten Staaten, der keiner war. Getrieben zu einer Falschmeldung im Wirbel des Konkurrenzdrucks. Nur schneller sein als die anderen! Davor war es die Hoeneß-und-Daum-Rivalität, die in den deutschen Medien an Sensationsgeilheit Ihresgleichen suchte. Mittlerweile beherrscht eine ganze Stadt in Ostdeutschland die inländische Medienwelt: Zuerst sind dort alle Menschen feige und eigensinnige Rechtsradikale, die einem gequältem Kind nicht helfen, dann kommt die Familie des Opfers mit ihren Zeugen an den Pranger.

Machte man eine Umfrage unter Journalisten: die Mehrheit würde als Hauptkriterium der Berichterstattung die Objektivität ankreuzen. Wie diese Objektivität zustande kommt, definiert jedoch jeder für sich selbst.
Natürlich soll der Presse nicht verboten werden, ihre Meinung kundzutun. Um Gottes willen! Nur wäre es schön, wenn anstatt Sensationen zuerst einmal die Informationen kommen würden. Und erst dann das Urteil nach Abwägung aller verfügbaren Fakten. Recherchieren, anstatt proklamieren.

Die vierte Macht im Staat hat eine Verantwortung. Nicht ihrer Anzeigenabteilung, sondern der Wahrheit gegenüber. Ein großes Nachrichtenmagazin nennt das Fakten, Fakten, Fakten. Dabei sollte es eigentlich heißen:
Alle Fakten .

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