Kalter Entzug: Island lässt Banken pleite gehen

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Island zeigt, wie man die Finanzkrise meistert - und Europa schaut weg

Kommentar

Das Wort "Bankrott" kommt vom italienischen "banca rotta", „zerbrochene oder leere Bank". Leere Banken gab es während der Finanzkrise zur Genüge, aber den wenigsten wurde erlaubt, gänzlich zu zerbrechen. In Krisenländern wie Irland, Griechenland, Portugal und Spanien werden marode Banken aktuell mit Steuergeldern künstlich beatmet. Auch deutsche Banken wurden im großen Stil mit Staatsgeldern gerettet, wir haben unsere Verschuldung um 10 Prozent erhöht und über 240 Milliarden Euro zur Stabilisierung der Finanzmärkte aufgebracht.

International ist man sich einig wie selten: Eine Bank nach Misswirtschaft bankrott gehen zu lassen ist undenkbar, solange man es nicht irgendwie verhindern kann. Zu viel hänge am international verflochtenen Bankensystem.

Welche Fehler eine Bank auch gemacht hat, es wird versucht, sie zu retten. Nur ein kleines Land im Norden Europas widersetzte sich der allgemeinen Ansicht, dass man kaputte Banken nicht fallen lassen dürfe. Island hat seine Banken pleite gehen lassen, anstatt sie mit Steuergeldern wiederzubeleben. Island hat seine Banken wie das behandelt, was sie auch tatsächlich sind: Unternehmen.

Während sich die Welt an ihre hochspekulativen, runtergewirtschafteten Banken klammert wie der Süchtige ans Spritzbesteck, hat Island den kalten Entzug bereits erfolgreich hinter sich gebracht.

Der Widerstand gegen den Alleingang Islands in Europa war groß. Wie könnt ihr nur! Im Prinzip machte Island alles anders als die Krisenstaaten Portugal, Irland und Giechenland, wo hart gespart wird, Schulden gemacht und Banken gerettet werden. Zum Leidwesen der Steuerzahler. Island hat neu angefangen und ist heute gut erholt.

"Die Theorie, dass man Banken retten muss, ist die Theorie, dass Banker ihren eigenen Profit genießen sollen, aber die gewöhnlichen Leute für das Scheitern zu bezahlen haben", erläuterte Islands Präsident Ólafur Ragnar Grímsson den isländischen Weg am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos.

Banken als heilige Kirchen - das habe er noch nie verstanden.

2012 erklärte Islands Wirtschaftsminister Steingrímur Sigfússon: „Eine Menge muss im Finanzsystem getan werden. Wir können kein System gebrauchen, das ständig die Gewinne privatisiert und die Verluste sozialisiert. Das ist ein fürchterliches System."

"Privatisierte Gewinne", das steht für "unterm Strich steh ich". "Sozialisierte Verluste" heißt: "Da soll sich mal schön der Staat drum kümmern". Das ist in der Tat ein fürchterliches System, aber gleichzeitig ein gesellschaftlich gelebter Moralkodex. Es geht hier nicht nur um den Finanzsektor. Jeder von uns lebt diese Maxime im Rahmen seiner Möglichkeiten. Islands anderer Ansatz erschüttert daher nicht nur Banken. Island erschüttert unsere Gesellschaft.

In Island habe man laut Grímsson "früh gemerkt, dass das nicht nur eine Finanz- oder Wirtschaftskrise war. Es war auch eine tiefe politische, soziale Krise, sogar eine Krise des Rechtswesens. Deswegen haben wir in all diesen Bereichen Reformen unternommen. Wir wollten für Gerechtigkeit sorgen und auch die Mechanismen verändern, wie Entscheidungen getroffen werden."

Man kann Islands Argumentation und die dort gezogenen Konsequenzen befürworten oder ablehnen. Anerkennen aber muss man, dass Island heute wieder auf einem aufsteigenden Ast ist. Island hat die Krise heil überstanden, die Wirtschaft wächst und die Arbeitslosigkeit sinkt. Entgegen der Prognosen aller "Experten", und entgegen der Entwicklung in allen anderen Krisenstaaten.

Anstatt Islands Weg als Beispiel und Vorbild für eine Krisenbewältigung in Betracht zu ziehen, wird das hier und auch anderswo leider kategorisch abgeleht. Island sei zu klein. Islands Banken seien zu klein. Island hatte ja keinen Euro. Island sei nicht zu vergleichen.

Systemrelevante Banken darf man nicht kaputt gehen lassen. Die Deutsche Bank ist "too big to fail".

Ich bin geneigt, diesen Aussagen immer weniger Glauben zu schenken. Weder haben diese kommunikativen Experten die Finanzkrise kommen sehen, noch haben sie für Islands Alleingang Erfolg prognostiziert. Eine wirksame Kontrolle und Reglementierung der Banken ist in weiter Ferne, stattdessen stürzt man sich jetzt auf das vermeintlich einzige Übel: Die hohen Boni sind Schuld. Wenn wir nur die Boni begrenzen, dann wird alles gut.

"Systemrelevante" Banken… Wenn das System an sich krankt, muss ein Update her. Oder ein Neustart. Und manchmal beides. Island hat das erkannt, und Island funktioniert. Der kalte Entzug ist prinzipiell möglich, und er lohnt sich. Ich wünsche mir mehr Island - in Europa und weltweit.

Leserkommentare
von Anjuli123 am 05.03.2013 17:27:49# 1
Super Artikel, den sollte man Merkel um die Ohren hauen.
    
von littletom am 06.03.2013 23:00:29# 2
Wunderbar und von Grund auf ehrlich auf den Punkt gebracht ! Hier sollte sich eine "Fan-Gemeinde" bilden oder auch eine Piratenpartei auf die Fahne schreiben. Der Bürger hat für solche Standpunkte sehr offene Ohren und sucht entsprechende "Vertreter" welche dies auch deutlich und laut ansprechen ! Wir hören und lesen es täglich in den Nachrichten und Medien. Ich bin dabei....
    
von Anteeas am 22.03.2013 14:34:14# 3
Zutreffend formuliert!

Darf ich Ihren Text weiterverbreiten?
    
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