Minusstunden & Stundenschreibung bei Planungsausfall in Agentur?!

13. November 2018 Thema abonnieren
 Von 
crypt
Status:
Frischling
(29 Beiträge, 2x hilfreich)
Minusstunden & Stundenschreibung bei Planungsausfall in Agentur?!

Hallo,

ich arbeite nun ca. seit einem Jahr festangestellt für eine recht große Digitalagentur. Kurz zu den Rahmenbedingungen:
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Wir arbeiten auf Projektbasis, d.h. kommt also z.B. ein neues Projekt zustande, werden dann dementsprechend verschiedene Mitarbeiter ausgewählt, die auf dieses Projekt arbeiten. Unsere Zeiterfassung basiert auf Vertrauensarbeitszeit, welche in einem Intranet-System erfasst wird (meist täglich bis alle zwei/drei Tage), welches automatisch Überstunden bzw. Minusstunden erfasst (bspw. bei einem früheren Nachhausegehen). Mein Arbeitsvertrag ist auf eine Richt- (!) Arbeitszeit mit 40h pro Woche festgelegt, Zitat aus dem Vertrag:

Zitat:

Nicht in erster Linie die aufgewandte Zeit, sondern die Funktion und sachgerechte Erfüllung der mit dieser Funktion verbundenen Aufgaben bestimmen den Inhalt des Arbeitsverhältnisses. Die Dauer und Lage der täglichen Arbeitszeit bestimmen Sie entsprechend der Ihnen gestellten Aufgaben selbst. [...] Sie erklären sich bereit, bei Bedarf und Anordnung in angemessenem Umfang Mehr- bzw. Überarbeit zu erbringen.

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Nun hatte ich vor zwei Wochen das erste Mal den Fall, dass ein Kunde ein Projekt spontan pausiert hat, wodurch ich plötzlich keine Beschäftigung für einige Tage mehr hatte. Hierauf hatte ich mich dann an meine Kollegen und meine Teamleitung gewandt, ob sie weitere Aufgaben für mich hätten, was so spontan aber nicht möglich war. Da ich nicht absichtlich Minusstunden machen wollte welche ich hätte nacharbeiten müssen blieb ich im Office und habe versucht mich für kommende Projekte vorzubreiten, indem ich Software recherchiert habe welche in der Zukunft nützlich sein könnten. Diese Zeit habe ich natürlich ebenfalls in die Zeiterfassung als "Leerlauf & Weiterbildung" eingetragen, da ich ja entsprechend anwesend und meine Arbeitskraft so vertraglich vereinbart anbieten wollte, allerdings keine Aufgaben da waren, was soweit ich weiß als betriebliches Risiko (Stichwort Annahmeverzug?) gilt und nicht einfach auf den Mitarbeiter abgewälzt werden kann.

Nun habe ich vor einigen Tagen eine Mail des an unserem Standort höchsten Vorgesetzt bekommen, was ich mir denke Leerlauf einzutragen, Zitat "Leerlauf Stunden schreiben geht gar nicht." Ich war erstmal etwas perplex da wir in unserem Bereich sonst wirklich immer einen astreinen Job machen und uns wirklich reinhängen, teilweise sogar während Krankheit im Homeoffice arbeiten damit Projekte sauber fertiggestellt werden können, dies war auch der erste Fall innerhalb des ganzen Jahres und ich hatte mich proaktiv um mögliche Aufgaben umgeschaut, welche schlichtweg so kurzfristig nicht möglich waren.

Nun kommt aber der Gedankengang der mir als Arbeitnehmer alles andere als legitim vorkommt – dieser Vorgesetzte ist nun der Meinung er könne uns in so einem Fall nach Hause schicken und verlangen Minusstunden zu schreiben, praktisch als wäre ich an diesem Tag freiwillig früher nach Hause gegangen. Das Problem ist, Minusstunden müsste ich ja erst wieder aufarbeiten (quasi umsonst, wenn ich dem zustimmen würde die Stunden mit Leerlauf nicht meinem Konto hinzuzufügen), was ich als nicht tragbar ansehe, wenn dieser Ausfall nicht durch mich verschuldet ist.


Nun meine Frage: Laut meinem Empfinden darf ich meine Stunden sehr wohl schreiben, da ich ja ausdrückliche meine Arbeitskraft anbiete, wenn daraufhin dann keine Aufgaben vergeben werden können sehe ich hier keine Grundlage zu Minusstunden gezwungen zu werden. Ich habe zu diesem Thema diesen Artikel gefunden:

https://www.hensche.de/Minusstunden_Arbeitszeitkonto_Minusstunden_nur_bei_Arbeitszeitkonto-Vereinbarung_Minusstunden_LAG_Rheinland-Pfalz_3Sa493-11.html

wo es auch heißt:

Zitat:
Ar­beits­zeit­kon­ten sol­len dem Ar­beit­ge­ber zwar die Möglich­keit ge­ben, die Ar­beits­kraft sei­nes Ar­beit­neh­mers flexi­bel zu nut­zen. Das recht­li­che und wirt­schaft­li­che Ri­si­ko, kei­ne Ver­wen­dung für die Ar­beits­kraft zu ha­ben, bleibt aber wei­ter­hin bei ihm. Ent­schei­det al­lein der Ar­beit­ge­ber über die zeit­li­che La­ge und die Dau­er der Ar­beit und ent­ste­hen da­bei Mi­nus­stun­den, hat der Ar­beit­neh­mer nicht zu we­nig ge­ar­bei­tet, son­dern der Ar­beit­ge­ber zu we­nig Ar­beit zu­ge­wie­sen. Dann ist er mit der An­nah­me der Ar­beits­leis­tung in Ver­zug und muss den Lohn auch oh­ne Ar­beits­leis­tung be­zah­len, und zwar oh­ne Ver­pflich­tung des Ar­beit­neh­mers zur Nach­ar­beit, vgl. § 615 Satz 1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB).



Liege ich nun im Recht oder nicht?

-- Editiert von crypt am 13.11.2018 13:26

-- Editiert von crypt am 13.11.2018 13:34

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3 Antworten
Sortierung:
#1
 Von 
blaubär+
Status:
Wissender
(15263 Beiträge, 5862x hilfreich)

Ob du im Recht 'liegst', vermag ich nicht zu sagen (und wie liegt es sich dort?), dass du aber richtig liegst, denke ich schon. Der Vorgesetzte kann dich durchaus nachhause schicken - aber nicht mit der Folge, dass du Minusstunden aufbaust, sondern als Freistellung und auf seine Rechnung.
Es zeigt sich m.E. an dem Beispiel schön, wie solche Floskeln, wie du sie aus deinem AV zitierst, im Grunde nur die Klarheit aufweichen und im Ernstfall gegen AN gewendet werden.
Eine Nebenfrage allerdings wäre, was du denn anderes angeben könntest, wenn nicht Leerlauf. Denn Recherche ist mit Sicherheit kein Leerlauf und ich denke, dass es auch zu deinen Aufgaben gehört, dich umzuschauen und zu präparieren.

2x Hilfreiche Antwort

#2
 Von 
crypt
Status:
Frischling
(29 Beiträge, 2x hilfreich)

Ich meinte natürlich "richtig liegen" ;) Es geht hier mehr um den Sachverhalt, dass dieser Vorgesetzte, soweit ich weiß, jedes Jahr eine Zielvorgabe hat, zu welchem Prozentsatz alle geschriebenen Stunden seiner Mitarbeiter an Kunden weiterverrechnet werden konnten und nicht intern bezahlt werden mussten (soweit ich weiß liegt dieser aktuell bei 70%), von daher kommt es mehr oder weniger aufs gleiche raus ob ich "Leerlauf" oder "Vorbereitung zukünftige Projekte" als Beschreibung angebe da diese leerlaufenden Stunden immer intern getragen werden müssen, auch wenn es etwas psychologisches hat da stimme ich zu.

Gegen die Tatsache dass er mich nach Hause schicken kann hattte ich auch nichts einzuwenden, lediglich der Punkt dass dies mit Minusstunden einhergeht war mir alles andere als geheuer.

1x Hilfreiche Antwort

#3
 Von 
little-beagle
Status:
Student
(2181 Beiträge, 1239x hilfreich)

Haha, sorry.

Ich arbeite selbst in einer Digitalagentur und kenne mich in der Branche auch ganz gut aus. Eine Quote von 70% berechenbarer Stunden halte ich im Schnitt für völlig unerreichbar. 50-60% sind schon ein guter Wert! Was der Standortleiter wahrscheinlich braucht, sind 70% abrechenbar von Deinen 40 Wochenstunden. Dass Du dafür wahrscheinlich eher 45-55 Stunden arbeiten musst, ist dem Standortleiter egal. ;-)

Vertrauensarbeit ist toll, meistens für den AG, weil die AN mehr arbeiten. Wenn in Deinem Vertrag aber steht

Zitat:
Nicht in erster Linie die aufgewandte Zeit, sondern die Funktion und sachgerechte Erfüllung der mit dieser Funktion verbundenen Aufgaben bestimmen den Inhalt des Arbeitsverhältnisses. Die Dauer und Lage der täglichen Arbeitszeit bestimmen Sie entsprechend der Ihnen gestellten Aufgaben selbst.


Mit welcher rechtlichen Grundlage will der AG denn dann Nacharbeit verlangen? Gab keine Arbeit zu tun, alle meine Projekte sind im grünen Bereich, bin am Strand...

Mir ist klar, dass grade in großen Agenturen das Gegenteil gemeint ist, aber Verträge gelten ja in beide Richtungen.

Ich würde den Standortleiter fragen, welche eloquente Formulierung für eine interne Weiterbildung/Recherche ihm genehm wäre und fortan eben das eintragen. Wenn er meint, dass Du auch keine Weiterbildung/Recherche machen sollst, such Dir einen anständigen Arbeitgeber; das ist in der Digitalbranche dann nämlich hochgradig unseriös.

4x Hilfreiche Antwort

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