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Nicht-Berücksichtigung der Bewerbung (öffentlicher Dienst)

 Von 
GaiusCaesar
Status:
Frischling
(6 Beiträge, 2x hilfreich)
Nicht-Berücksichtigung der Bewerbung (öffentlicher Dienst)

Sachverhalt:
Eine Frau mit anerkannter Schwerbehinderung und einem GdB von 100 bewirbt sich bei einem öffentlichen Arbeitgeber um einen Arbeitsplatz in der Archivierung mittels Scanner.

Die Stellenausschreibung sieht folgendes vor:

Anforderungsprofil - Voraussetzungen für die ausgeschriebene Stelle: abgeschlossene Schulbildung, Grundkenntnisse am PC, selbständige Aufgabenerledigung, körperliche Belastbarkeit (...)

Für die Bewerbung von Vorteil sind:
- abgeschlossene Berufsausbildung
- Erfahrung im Scanbereich
- hohe Teamfähigkeit

Die Bewerbung beinhaltet Hinweise darauf, dass alle Voraussetzungen erfüllt werden sowie den Hinweis auf die Schwerbehinderung sowohl im Anschreiben als auch im Lebenslauf. Als Anlage wurde der Schwerbehindertenausweis beigefügt.

Weiter findet sich in der Ausschreibung der Hinweis, dass schwerbehinderte Bewerber sowie Frauen bevorzugt werden. Menschen mit Migrationshintergrund werden ermutigt, sich zu bewerben.

Die Bewerberin ist eine Frau und besitzt eine ausländische Staatsbürgerschaft.

_____

Nach einigen Wochen ohne Rückmeldungen erfolgt die schriftliche Absage. Es hat keine vorherige Einladung der Bewerberin stattgefunden. Als Ablehnungsgrund nennt man die fehlende fachliche Eignung, die sich darin begründet, dass mit der Bewerbung keine Erfahrungen im Scanbereich nachgewiesen worden sind. Andere Bewerber hätten dieses Kriterium erfüllt und sind deshalb bevorzugt worden.

Ergibt sich aus dem Vorgang hier nicht eine Benachteiligung der schwerbehinderten Bewerberin? Der Arbeitgeber bezieht sich auf das Urteil 9 AZR 431/08 , aus dem hervorgeht, dass schwerbehinderte Bewerber beim offensichtlichen Fehlen der Eignung nicht eingeladen werden müssen.

Aus meiner Sicht heraus handelt es sich bei dem Kriterium "Erfahrungen im Scanbereich" jedoch um ein verbesserndes Merkmal und nicht um eine Voraussetzung zur Besetzung der Stelle. Dies wird zudem auch aus dem Umstand heraus abgeleitet, dass Voraussetzungen und Kriterien, die von Vorteil sind, deutlich getrennt in der Ausschreibung aufgeführt worden sind.

Die Bewerberin würde gerne eine Chance auf die Stelle haben. Dadurch, dass selbige bereits besetzt ist, erachte ich dies jedoch als schwierig an. Würdet ihr hier auf Schadensersatz klagen?

Beste Grüße!
Gaius

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Bewerbung Schwerbehinderung Arbeitgeber Schadensersatz


22 Antworten
Sortierung:
#1
 Von 
-Laie-
Status:
Gelehrter
(11491 Beiträge, 4922x hilfreich)

Zitat (von GaiusCaesar):
Würdet ihr hier auf Schadensersatz klagen?
Nein, denn es ist ja überhaupt kein Schaden entstanden.

Zitat (von GaiusCaesar):
Ergibt sich aus dem Vorgang hier nicht eine Benachteiligung der schwerbehinderten Bewerberin?
Die geforderte körperliche Belastbarkeit dürfte hier, bei einer GdB von 100, wahrscheinlich das Killerkriterium sein.

Signatur: Folgende Nutzer werden von mir blockiert und ich kann deren Beiträge nicht lesen: Xipolis; Jule28
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#2
 Von 
GaiusCaesar
Status:
Frischling
(6 Beiträge, 2x hilfreich)

Zitat (von -Laie-):
Zitat (von GaiusCaesar):
Würdet ihr hier auf Schadensersatz klagen?
Nein, denn es ist ja überhaupt kein Schaden entstanden.

Zitat (von GaiusCaesar):
Ergibt sich aus dem Vorgang hier nicht eine Benachteiligung der schwerbehinderten Bewerberin?
Die geforderte körperliche Belastbarkeit dürfte hier, bei einer GdB von 100, wahrscheinlich das Killerkriterium sein.


Das sehe ich durchaus anders. Wenngleich kein Vermögensschaden entstanden ist, so ist die Benachteiligung des schwerbehinderten Bewerbers nach § 15 Abs. 2 Satz 1 AGG i. V. m. § 81 Abs. 2 Satz 2 SGB IX Anspruchsgrundlage zu einer angemessenen Entschädigung in Geld.

Die körperliche Belastbarkeit ergibt sich aus der derzeit ausgeführten sowie früheren Tätigkeiten. (Einzelhandel/Handwerk) Der GdB ergibt sich aus anderen gesundheitlichen Umständen, die ich hier aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht weiter ausführen möchte. Sie sind jedoch keineswegs einschränkend bei den dort durchzuführenden Tätigkeiten. Weiter hätte der öffentliche Arbeitgeber nach dem AGG sich im Rahmen eines Vorstellungsgespräches von der Nicht-Eignung überzeugen müssen. So ist jedenfalls meine Auffassung der Rechtssprechung.

-- Editiert von GaiusCaesar am 15.01.2019 17:03

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#4
 Von 
Anami
Status:
Richter
(8029 Beiträge, 1404x hilfreich)


Zitat (von GaiusCaesar):
Für die Bewerbung von Vorteil sind:
- abgeschlossene Berufsausbildung
- Erfahrung im Scanbereich
- hohe Teamfähigkeit
Offensichtlich hat der Arbeitgeber einen Bewerber gefunden, bei dem sowohl alle Voraussetzungen und auch die Vorteile sämtlich zutreffen.
Lägen allerdings bei der Frau ausser den Voraussetzungen auch alle drei Vorteile zusätzlich zu Migrationshintergrund und Schwerbehinderung vor, wäre sie garantiert eingeladen und evtl. sogar eingestellt worden.

Zitat (von GaiusCaesar):
Würdet ihr hier auf Schadensersatz klagen?
Welcher Schaden ist ihr entstanden?

Ich kann auch keine Benachteiligung erkennen. Weder wegen ihrer Schwerbehinderung noch wegen ihrer Staatsbürgerschaft. Auch nicht wegen mangelnder körperlicher Belastbarkeit.
Sondern weil ihr Erfahrungen im Scanbereich fehlen. Nur deshalb. Genau für das Scannen ist schliesslich die Stelle ausgeschrieben worden.
Zitat (von GaiusCaesar):
Als Ablehnungsgrund nennt man die fehlende fachliche Eignung, die sich darin begründet, dass mit der Bewerbung keine Erfahrungen im Scanbereich nachgewiesen worden sind.
Ja. Richtig. Hätte sie nachgewiesen, dass sie bereits Erfahrungen dort hat, sähe die Sache anders aus.

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#5
 Von 
GaiusCaesar
Status:
Frischling
(6 Beiträge, 2x hilfreich)

Zitat (von Anami):
Zitat (von GaiusCaesar):
Für die Bewerbung von Vorteil sind:
- abgeschlossene Berufsausbildung
- Erfahrung im Scanbereich
- hohe Teamfähigkeit
Offensichtlich hat der Arbeitgeber einen Bewerber gefunden, bei dem sowohl alle Voraussetzungen und auch die Vorteile sämtlich zutreffen.
Lägen allerdings bei der Frau ausser den Voraussetzungen auch alle drei Vorteile zusätzlich zu Migrationshintergrund und Schwerbehinderung vor, wäre sie garantiert eingeladen und evtl. sogar eingestellt worden.

Zitat (von GaiusCaesar):
Würdet ihr hier auf Schadensersatz klagen?
Welcher Schaden ist ihr entstanden?

Ich kann auch keine Benachteiligung erkennen. Weder wegen ihrer Schwerbehinderung noch wegen ihrer Staatsbürgerschaft. Auch nicht wegen mangelnder körperlicher Belastbarkeit.
Sondern weil ihr Erfahrungen im Scanbereich fehlen. Nur deshalb. Genau für das Scannen ist schliesslich die Stelle ausgeschrieben worden.

Zitat (von GaiusCaesar):
Als Ablehnungsgrund nennt man die fehlende fachliche Eignung, die sich darin begründet, dass mit der Bewerbung keine Erfahrungen im Scanbereich nachgewiesen worden sind.
Ja. Richtig. Hätte sie nachgewiesen, dass sie bereits Erfahrungen dort hat, sähe die Sache anders aus.

Ich glaube mein Standpunkt ist nicht deutlich geworden.

Mir geht es darum, dass die Fähigkeit, einen Scanner zu bedienen, lediglich als vorteilhaft ausgewiesen worden ist. Ich muss als öffentlicher Arbeitgeber jedoch alle schwerbehinderten Bewerber einladen, die die Voraussetzungen erfüllen, um die Eignung im Rahmen eines Vorgespräches abzuklären. In diesem Falle sind alle Voraussetzungen für die beschriebene Stelle erfüllt worden. Es wurde lediglich auf die Einladung verzichtet, da ein Kriterium, dass von Vorteil für die Stelle ist, laut Bewerbung nicht erfüllt wird.

Ihrer Ansicht nach ist die Erfahrung im Scanbereich von elementarer Bedeutung bei der Besetzung der Stellenausschreibung. Genau dann verstehe ich jedoch nicht warum der Arbeitgeber dies nicht als Voraussetzung zur Besetzung der Stelle angegeben hat. So wirkt es, als wäre der Ablehnungsgrund vorgeschoben.

Der entstandene Schaden begründet sich hier in der Nicht-Berücksichtigung im Bewerbungsverfahren und der damit einhergehenden Benachteiligung der schwerbehinderten Bewerberin seitens des Arbeitgebers. Es wurde nicht geprüft, ob die Schwerbehinderte die Eignung für diese Stelle vorweist. Eine bessere Eignung von Mitbewerbern schließt eine Benachteiligung des schwerbehinderten Bewerbers nicht aus. Bewerber ist letztlich jede Person, die die Stelle grundsätzlich ausüben kann. Da der schwerbehinderten Bewerberin keine Probleme im Umgang mit technischen Einrichtungen entstehen, kann sie die Stelle ohne weiteres ausüben. Da dies jedoch nicht im Rahmen eines Gesprächs geklärt worden ist, halte ich es für eine unangemessene Benachteiligung der Bewerberin nach dem AGG und lasse mindestens die Frage im Raum stehen, ob es hier nicht zu einer Benachteiligung aufgrund der vorliegenden Behinderung gekommen ist.

Die Stelle beinhaltet neben der Tätigkeit des Scannens auch eine Aufsichtstätigkeit innerhalb der Behörde.

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#6
 Von 
Harry van Sell
Status:
Unbeschreiblich
(71443 Beiträge, 32431x hilfreich)

Da wir die Stellenanzeige nicht komplett kennen, kann man nur spekulieren.

Es spricht jedoch nichts dagegen seine Argumentation dem Gericht vorzutragen, dann kann der "Nicht-Arbeitgeber" darlegen, weshalb man den Bewerber nicht einladen musste.



Zitat (von GaiusCaesar):
Mir geht es darum, dass die Fähigkeit, einen Scanner zu bedienen, lediglich als vorteilhaft ausgewiesen worden ist.

Wenn der jetzige Stelleninhaber alle Anforderungen erfüllt sowie die Vorteile auch noch bieten kann, dann hat der jetzige Nicht-Stelleninhaber ein kleines Problem, falls er den Vorteil in der Bewerbung nicht erwähnt hat.


Signatur:Meine persönliche Meinung/Interpretation! Im übrigen verweise ich auf §675 Abs. 2 BGB
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#7
 Von 
Ratsuchender@123net
Status:
Lehrling
(1431 Beiträge, 283x hilfreich)

Eine Diskriminierung läge nur vor, wenn die nicht zum Zuge kommende Bewerberin gleiche oder gar bessere Qualifikationen aufweisen hätte können.

"Von Vorteil" bedeutet, dass die diesbezüglich genannten Qualifikationen für eine Bewerbung zwar nicht zwingend vorhanden gewesen sein mussten, jedoch eine mit diesen Qualifikationen vorteilhafter, da qualifizierter bzw. fachlich geeigneter, ist.

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#8
 Von 
GaiusCaesar
Status:
Frischling
(6 Beiträge, 2x hilfreich)

Zitat (von Ratsuchender@123net):
Eine Diskriminierung läge nur vor, wenn die nicht zum Zuge kommende Bewerberin gleiche oder gar bessere Qualifikationen aufweisen hätte können.

"Von Vorteil" bedeutet, dass die diesbezüglich genannten Qualifikationen für eine Bewerbung zwar nicht zwingend vorhanden gewesen sein mussten, jedoch eine mit diesen Qualifikationen vorteilhafter, da qualifizierter bzw. fachlich geeigneter, ist.

Inwiefern die jetzt eingestellte Person höherwertig qualifiziert ist, lässt sich so ja leider nicht sagen. Muss der Arbeitgeber den schwerbehinderten Bewerber nicht einladen, wenn die alle Voraussetzungen erfüllt sind, um im Rahmen des Vorgespräches die Eignung zu klären?

Mein Kenntnisstand war bisher, dass schwerbehinderte Bewerber bei Vorliegen aller Einstellungsvoraussetzungen eingeladen werden müssen zu einem Vorstellungsgespräch, um in diesem die Eignung zu klären. Sollte sich aus diesem ergeben, dass ein zweiter Bewerber geeigneter ist, so steht dem Arbeitgeber natürlich frei, selbigen auch einzustellen.

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#9
 Von 
Ratsuchender@123net
Status:
Lehrling
(1431 Beiträge, 283x hilfreich)

Vielleicht darf ich noch ergänzend anmerken, dass die Angabe und der Nachweis einer Schwerbehinderung eines Bewerbers für eine Stelle bei einem öffentlichen Arbeitgeber - entgegen sämtlicher Pflichten und Beteuerungen im Stellenangebot - eher negativ bis hin zu ausschließend sind.

Sollte dann dennoch eine Einladung zu einem Vorstellungstermin erfolgen, findet dieser gerne am Montag um 08.00 Uhr statt mit dem Hinweis, dass gegebenenfalls anfallende Fahrtkosten nicht erstattet werden. Mitunter wird dann sogar noch in dem "Einladungsschreiben" erfragt, ob man den Termin (dennoch) wahrnehmen möchte.

Deutlicher geht es nicht mehr.

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#10
 Von 
Anami
Status:
Richter
(8029 Beiträge, 1404x hilfreich)

Zitat (von GaiusCaesar):
Ihrer Ansicht nach ist die Erfahrung im Scanbereich von elementarer Bedeutung bei der Besetzung der Stellenausschreibung.
Ich habe nichts von elementarer Bedeutung geschrieben.
Der AG schreibt eine Stelle aus, die einen Arbeitsplatz in der Archivierung mittels Scanner beschreibt.
Also ist Erfahrung im Scannen durchaus wichtig. Der AG will niemanden ausbilden oder anlernen.
Ich habe nichts gegen deinen Standpunkt und gern kann man sich eine Schadensersatzklage antun...aus diesen Gründen. Da aber gefragt wird, darf ich meinen Standpunkt auch in diesen Raum stellen.
Zitat (von GaiusCaesar):
So wirkt es, als wäre der Ablehnungsgrund vorgeschoben.
Nein. Wenn die Frau keine Scan-Erfahrungen hat, ist das nicht vorgeschoben, sondern dann isses so. Sie hat sie nicht, bzw. hat sie in der Bewerbung nicht nachgewiesen. Es hat also nichts mit ihrer Schwerbehinderung zu tun, sondern mit fehlender, fachlicher Eignung.
Zitat (von GaiusCaesar):
Es wurde nicht geprüft, ob die Schwerbehinderte die Eignung für diese Stelle vorweist.
Doch. Es wurde nach Prüfung der B-Unterlagen eine Auswahl getroffen. Sie hat wahrscheinlich alles, würde sogar bevorzugt werden, aber eben alles ausser Erfahrung im Scannen.
Ist das so schwer zu begreifen?
Zitat (von GaiusCaesar):
Da der schwerbehinderten Bewerberin keine Probleme im Umgang mit technischen Einrichtungen entstehen,
Sicher. Der AG will aber Erfahrung im Scanbereich. Nicht nur die Fähigkeit, einen Scanner zu bedienen.
Zitat (von GaiusCaesar):
Der entstandene Schaden begründet sich hier in der Nicht-Berücksichtigung im Bewerbungsverfahren
Wieso? Sie ist doch berücksichtigt worden. Sie ist nur nicht in die engere Auswahl gekommen. Es ist nicht verlangt, alle schwerbehinderten Bewerber einzuladen und auf Eignung im Scanbereich zu prüfen. Es könnten sich durchaus 100 andere Bewerber um diesen Job beworben haben. Alle könnten die geforderten Voraussetzungen UND die Vorteile mitbringen. UND einen hohen GdB UND Migrant UND Frau sein. EINE/R wird nur eingestellt. 99 abgelehnte könnten erfolgreich gegen die Benachteiligung klagen? Sie hätten Schaden erlitten? Welchen denn bitte?
Zitat (von GaiusCaesar):
Die Stelle beinhaltet neben der Tätigkeit des Scannens auch eine Aufsichtstätigkeit innerhalb der Behörde.
Na guck. Das könnte die Frau sicher auch, oder ist dazu Erfahrung verlangt?
Zitat (von GaiusCaesar):
Mein Kenntnisstand war bisher,
Woher hast du diesen?

Wenn es immer nur die *Voraussetzungen* wären und nicht auch Wünschenswertes und Vorteile, und Soft Skills und nicht auch ganz eigene Vorstellungen des AG, dann wäre es sehr einfach mit dem Bewerben.

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#11
 Von 
GaiusCaesar
Status:
Frischling
(6 Beiträge, 2x hilfreich)

Die Absage begründet sich lediglich in der Aussage, sie würde keine Erfahrungen im Scan- und Fotokopierbereich vorweisen. Hierbei handelte es sich jedoch nicht um eine Voraussetzung, sondern um ein so genanntes Soll-Kriterium, dass sich aus der Formulierung „Für die Bewerbung von Vorteil" ergibt. Mithin ist die fachliche Eignung sehr wohl gegeben. Lediglich ein so genanntes Soll-Kriterium wird nicht erfüllt. Daran hängt jedoch nicht die Eignung für die ausgeschriebene Stelle.

Würde sie eine der oben genannten Voraussetzungen (Muss-Kriterien) nicht erfüllen, so würde der AG richtigerweise der Rechtsprechung folgen und ihr würde offensichtlich die fachliche Eignung fehlen. Somit hätte, wie auch vom AG ausgeführt, eine Einladung nicht stattfinden müssen. Da ihr die fachliche Eignung jedoch offensichtlich nicht fehlt, hätte eine Einladung zum Bewerbungsgespräch nach §82 Satz 2 SGB IX erfolgen müssen.

Selbst wenn der AG der Meinung ist, eine andere Person würde alle Voraussetzungen und zusätzlich die Soll-Kriterien erfüllen und ist so besser geeignet, kann diese Entscheidung nicht ohne Anhörung der Bewerberin in einem Bewerbungsgespräch zwecks Klärung der fachlichen Eignung erfolgen.
Gerne möchte ich in diesem Zusammenhang auch auf die aktuell gültige Rechtsprechung verweisen. So hat das Bundesarbeitsgereicht am 13.10.2011 in folgendem Urteil (8 AZR 608/10 ) entschieden, dass ein schwerbehinderter Bewerber bei einem öffentlichen Arbeitgeber die Chance eines Vorstellungsgespräches bekommen muss, wenn seine fachliche Eignung zweifelhaft, aber nicht offensichtlich ausgeschlossen ist. Selbst wenn sich der öffentliche Arbeitgeber aufgrund der Bewerbungsunterlagen schon die Meinung gebildet hat, ein oder mehrere andere Bewerber seien so gut geeignet, dass der schwerbehinderte Bewerber nicht mehr in die nähere Auswahl komme, muss er diesen einladen.

Danke für Eure ganzen Meinungen zu dem Vorgang!
Ich denke, eine Erst-Beratung bei einem Fachanwalt für Arbeitsrecht ist in diesem Fall für die Bewerberin am aufschlussreichsten.

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#12
 Von 
qwerty321
Status:
Frischling
(9 Beiträge, 0x hilfreich)

Wäre schön wenn du uns hier auf dem Laufenden hälst!

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#13
 Von 
drkabo
Status:
Gelehrter
(10524 Beiträge, 7479x hilfreich)

Zitat:
Die Absage begründet sich lediglich in der Aussage, sie würde keine Erfahrungen im Scan- und Fotokopierbereich vorweisen. Hierbei handelte es sich jedoch nicht um eine Voraussetzung, sondern um ein so genanntes Soll-Kriterium, dass sich aus der Formulierung „Für die Bewerbung von Vorteil" ergibt. Mithin ist die fachliche Eignung sehr wohl gegeben. Lediglich ein so genanntes Soll-Kriterium wird nicht erfüllt. Daran hängt jedoch nicht die Eignung für die ausgeschriebene Stelle.

Sehe ich auch so.
Der Knackpunkt könnte aber darin bestehen, dass es evtl. andere Bewerber gab, die sowohl die Muss- also auch die Soll-Kriterien erfüllen und auch(!) schwerbehindert sind.

Die Pflicht im öffentlichen Dienst, schwerbehinderte Bewerber bevorzugt zu behandeln, führt dazu, dass viele Schwerbehinderte gar nicht versuchen, in der freien Wirtschaft zu arbeiten und deshalb Stellen im öffentlichen Dienst von Bewerbungen Schwerbehinderter geradezu überflutet werden.

Bei der hier ausgeschriebenen Stelle ist es nun nicht ganz fernliegend, dass sich viele schwerbehinderte Kandidaten beworben haben, darunter wahrscheinlich auch Schwerbehinderte mit Scan-Erfahrung.
Wenn Bewerbungen von Schwerbehinderten vorliegen, die auch die Soll-Kriterien erfüllen, müssen m.E. die Bewerbungen von Schwerbehinderten, die nur die Muss-Kriterien erfüllen, nicht zwangsläufig mit einer EInladung zur Vorstellung bedacht werden.

Wenn der Arbeitgeber nachweisen kann, dass Schwerbehinderte mit Scan-Erfahrung zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurden, dann sind Ihre Chancen nicht gut. Denn dann spricht der Anschein dafür, dass Ihre nicht-Berücksichtigung tatsächlich an der fehlenden Soll-Qualifikation und nicht an der Schwerbehinderung liegt.

Signatur:Für alle meine Beiträge gilt §675(2) BGB.
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#14
 Von 
Anami
Status:
Richter
(8029 Beiträge, 1404x hilfreich)

Zitat (von drkabo):
Wenn der Arbeitgeber nachweisen kann,

Das wird er wohl erst in einem Verfahren tun. Er hat seine Ablehnung doch begründet.

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#15
 Von 
AltesHaus
Status:
Gelehrter
(10813 Beiträge, 2867x hilfreich)

Zitat (von GaiusCaesar):
Mir geht es darum, dass die Fähigkeit, einen Scanner zu bedienen, lediglich als vorteilhaft ausgewiesen worden ist.

Geht ja nicht darum was Sie denken, sondern was der AG benötigt.

Gehen Sie mal von 250 Bewerbungen aus. Davon entsprechan 20 allen geforderten Kriterien und und die hälfte davon waren Frauen mit Migrationishintergrund und evtl. noch einem Behindertenausweis (muss ja nicht immer 100 GdB sein), und von diesen 20 haben 5 noch Praxis id geforderten Sparte aufzuweisen. Der AG ist frei den einzustellen der seiner Meinung nach am besten für den Job geeignet ist. Die Bewerberin war es offensichtlich nicht.

Signatur:Ich erteile keine Ratschläge, ich schreibe nur wie ich die Dinge handhaben würde.
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#16
 Von 
wirdwerden
Status:
Unbeschreiblich
(28641 Beiträge, 11849x hilfreich)

Nein, auch im ÖD muss nicht jeder Behinderte zwingend zu einem Gespräch eingeladen werden. Es handelt sich da nämlich nicht um ein Personalabteilung-Beschäftigungsprogramm, sondern einfach um das Einräumen einer Chance für diejenigen Bewerber, die zwar behindert sind, aber für die Stelle konkret auf den Einzelfall bezogen in Betracht kommen. Wenn wir nun hier in dem Fall xy behinderte Bewerber haben, die qualifizierter sind, eben die geforderten Erfahrungen vorweisen können, die eine Bewerberin auf gar keinen Fall genommen wird, dann muss sie auch nicht zu einem Vorstellungsgespräch geladen werden. Eine professionelle Personalabteilung kann das ohne Schwierigkeiten nachweisen.

wirdwerden

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#17
 Von 
blaubär+
Status:
Unparteiischer
(9863 Beiträge, 4338x hilfreich)

Heiliger Himmel! Da kann man lange rumdebattieren.
Versuch zur Beruhigung der Gemüter - ein Blick ins AGG kann helfen:
1. AN braucht Indizien, um darzutun, dass er oder sie in seinen Rechten geschmälert ist und hat dafür 2 Monate Zeit, dies vor Gericht zu bringen - AGG § 15 . AG muss dann seine Gründe darlegen. Ob der Ablehnungsgrund 'Scanner' ein hinreichendes Indiz für eine Ablehnung wegen der Behinderung ist, wird sich dann erweisen.
2. Auch im Falle des Erfolgs bedeutet das nicht, dass AN die Stelle bekommt, sondern bestenfalls eine Entschädigung.
3. Dies gerichtlich überprüfen zu lassen, ist am Ende ein so großer oder kleiner Aufwand wie arbeitsgerichtliche Klärungen sonst auch. Eigentlich kann AN nur gewinnen, sei es an Erkenntniszuwachs, sei es eine Entschädigung für die Nicht-Einladung zum Gespräch.


Die Sache mit der gleichen Qualifikation samt Hinweis auf die zu erfolgende Bevorzugung von Menschen mit Behinderung usw. darf man getrost als vorgeschriebene Rhetorik bezeichnen. 'Gleiche Qualifikation' scheint mir eine oft fehlgedeutete Ansage, schon wenn man bedenkt, dass es harte und weiche Kriterien gibt. Ich halte die eine oder andere Aussage von GC für überzogen, wie weit die Prüfpflichten des AG gehen sollen.
Wir kennen aus der Eingangsdarstellung heraus nur Auszüge der Ausschreibung, vor allem aber nicht die Bewerbungsunterlagen - da kann es problematisch sein, wenn AN seine Qualifikation für den Job nur im Allgemeinen nachweist; ich sage es Mal so: in meiner BR-Zeit habe ich mich vielfach über Bewerbungen von Menschen mit Behinderung geärgert, wenn die schon im ersten Zugriff nicht den Standards sonstiger Bewerbungen gleich kamen.

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#18
 Von 
GaiusCaesar
Status:
Frischling
(6 Beiträge, 2x hilfreich)

Zitat (von wirdwerden):
Nein, auch im ÖD muss nicht jeder Behinderte zwingend zu einem Gespräch eingeladen werden. Es handelt sich da nämlich nicht um ein Personalabteilung-Beschäftigungsprogramm, sondern einfach um das Einräumen einer Chance für diejenigen Bewerber, die zwar behindert sind, aber für die Stelle konkret auf den Einzelfall bezogen in Betracht kommen. Wenn wir nun hier in dem Fall xy behinderte Bewerber haben, die qualifizierter sind, eben die geforderten Erfahrungen vorweisen können, die eine Bewerberin auf gar keinen Fall genommen wird, dann muss sie auch nicht zu einem Vorstellungsgespräch geladen werden. Eine professionelle Personalabteilung kann das ohne Schwierigkeiten nachweisen.

wirdwerden

Besten Dank für die Einschätzung.

Da wir diejenige Person nicht kennen, die nun eingestellt worden ist, bleibt alles dargelegte Spekulation. +

Zitat (von blaubär):
Die Sache mit der gleichen Qualifikation samt Hinweis auf die zu erfolgende Bevorzugung von Menschen mit Behinderung usw. darf man getrost als vorgeschriebene Rhetorik bezeichnen. 'Gleiche Qualifikation' scheint mir eine oft fehlgedeutete Ansage, schon wenn man bedenkt, dass es harte und weiche Kriterien gibt. Ich halte die eine oder andere Aussage von GC für überzogen, wie weit die Prüfpflichten des AG gehen sollen.
Wir kennen aus der Eingangsdarstellung heraus nur Auszüge der Ausschreibung, vor allem aber nicht die Bewerbungsunterlagen - da kann es problematisch sein, wenn AN seine Qualifikation für den Job nur im Allgemeinen nachweist; ich sage es Mal so: in meiner BR-Zeit habe ich mich vielfach über Bewerbungen von Menschen mit Behinderung geärgert, wenn die schon im ersten Zugriff nicht den Standards sonstiger Bewerbungen gleich kamen.

Letztlich geht es mir noch immer um den Punkt, dass ein Soll-Kriterium ausschlaggebend für die Nicht-Berücksichtigung der Bewerberin war und das trotz fachlicher Eignung keine Einladung stattgefunden hat. Dass das hier deutlich anders gesehen wird, habe ich mittlerweile verstanden. Bedeutet aber nicht, dass ich gänzlich mit meiner Auffassung alleine bin. Wir werden sehen.

So, nochmals besten Dank.

-- Editiert von GaiusCaesar am 16.01.2019 10:56

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#19
 Von 
wirdwerden
Status:
Unbeschreiblich
(28641 Beiträge, 11849x hilfreich)

Nö, um diesen Punkt alleine geht es nicht. Man kann aus dem Compound nicht einfach den Teil rausbrechen, der einem passt und den isoliert betrachten. Es geht um alle Bewerber, und wenn da geeignetere waren, einerlei ob es um ein "soll" oder ein "muss" geht, dann hat der Schwächste in der Reihe halt verloren.

Noch ein Hinweis. Wenn so jemand klagt, dann bleibt das nicht unbekannt. Der Beklagte kann einfach durch weitererzählen (und die Vernetzung zwischen Personaler ist sehr gut) das Verfahren bekannt machen. Ob die Frau in dem Umfeld dann noch mal berücksichtigt wird, wohl eher nein. Wer holt sich schon so jemand in seine Firma?

wirdwerden

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#20
 Von 
blaubär+
Status:
Unparteiischer
(9863 Beiträge, 4338x hilfreich)

"Der Worte sind genug gewechselt. Lasst mich auch endlich Taten sehn! " (Faust 1)
Du bist überzeugt, das ist zu spüren.
Dass andere Bedenken und Einwände haben, ändert wenig daran, dass du das Gesamtfeld wohl am besten kennst. Nur: durch das Hin und Her hier im Forum wird nichts geklärt. Fliehen oder Standhalten.

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#21
 Von 
Anami
Status:
Richter
(8029 Beiträge, 1404x hilfreich)

Zitat (von blaubär+):
Ob der Ablehnungsgrund 'Scanner' ein hinreichendes Indiz für eine Ablehnung wegen der Behinderung ist, wird sich dann erweisen.
Das ist doch aber überhaupt nicht strittig.
Der AG lehnt ab wegen fehlender fachlicher Eignung. Die Bewerberin konnte keine Erfahrung im Scan-Bereich nachweisen.
Ob eine nicht extra als *Voraussetzung* genannte Eignung und entsp. Erfahrung für einen Scanner-Job ein Gericht überzeugen kann?

Dass der TE hier unterteilt in Voraussetzungen und Vorteile, noch in Muss und Soll---hilft doch auch nicht.
AG wollen jemanden einstellen, der von allem das Beste zeigt.
Dass Behinderte sich bei Bewerbungen oft nur wegen ihrer Behinderung abgelehnt *fühlen*, ist doch ein rein subjektives Problem.

Aber genau: Die Tat der Klage ist nicht verwehrt. Hoffentlich nicht verfristet.
Oder eben: weiter bewerben...

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#22
 Von 
blaubär+
Status:
Unparteiischer
(9863 Beiträge, 4338x hilfreich)

@anami
Ich widerspreche dir doch gar nicht. Nur krallen GC oder die AN in diese Scanner-und-Eignungsfrage als Indiz für die Ablehnung wegen der Behinderung. Und nur die Ablehnung wegen einer Behinderung wäre nach AGG sanktionsfähig.

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#23
 Von 
Harry van Sell
Status:
Unbeschreiblich
(71443 Beiträge, 32431x hilfreich)

Zitat (von blaubär+):
für die Ablehnung wegen der Behinderung.

Es geht hier überhaupt nicht um eine Ablehnung wegen Behinderung.

Es geht um die nicht erfolgte - unter bestimmten Umständen - gesetzlich vorgeschriebene Einladung zum Bewerbungsgespräch.

Signatur:Meine persönliche Meinung/Interpretation! Im übrigen verweise ich auf §675 Abs. 2 BGB
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