28-jährigen Sohn rauswerfen?

8. Juni 2017 Thema abonnieren
 Von 
lapalomablanca
Status:
Frischling
(1 Beiträge, 0x hilfreich)
28-jährigen Sohn rauswerfen?

Ein herzliches Hallo an alle,
ich schreibe hier nicht nur in meinem, sondern eher im Namen meiner Eltern:
mein älterer Bruder, bald 28, leidet nun seit bald 10 Jahren an Depressionen, hat bereits 2 längere stationäre Klinik-Aufenthalte und diverse Therapien sowie Anti-Depressiva hinter sich, weigert sich aber nun einmal mehr, diese, v.a. die Therapiemöglichkeiten, wahrzunehmen. Ich muss hier etwas weiter ausholen, da sich die ganze Situation etwas komplexer gestaltet.

Mein Bruder ist, wie schon gesagt, beinahe 28 Jahre alt, lebt nun wieder seit September bei meinen Eltern, nachdem er 1 Jahr lang weder mit ihnen noch mit mir Kontakt hatte (von ihm ausgehend) und stattdessen uns für alles, was in seinem Leben schief läuft, verantwortlich gemacht hat - und dies auch weiterhin tut. Er hat im Herbst das erste Staatsexamen in Jura gemacht, seitdem liegt er allerdings auf der faulen Haut, schläft den ganzen Tag und nachts schaut er diverse Serien - sonst ist er sozial völlig isoliert, hoch verschuldet (der Gerichtsvollzieher müsste demnächst vorbeikommen) und hat keinerlei Perspektive, da er nun die weitere juristische Laufbahn (Referendariat und 2. Examen) nicht mehr machen möchte. Er ist sich allerdings auch zu schade, einen "niederen" Job auszuüben. Sein Arzt-Patienten-Verhältnis hat er aufgekündigt, nachdem seinem Psychiater bekannt wurde, dass er ihm ein einziges Friede-Freude-Eierkuchen-Märchen vorgeschwindelt hat. Er nimmt also bis dato dieses Hilfsangebot überhaupt nicht wahr.

Nun gestaltet es sich leider so, dass er ein recht aggressiver Mensch ist, der, wie gesagt, mich und v.a. meine Eltern, für seine recht unschöne Lebenssituation verantwortlich macht und meine Eltern gerade in letzter Zeit aufs Übelste beleidigt und einmal sogar meiner Mutter Schläge angedroht hat. Das große Problem, das sich für uns darstellt, ist, dass er leider dieses Mal noch keinen konkreten Anlass geliefert hat, dass wir ihn würden zwangsweise einweisen können - wie beispielsweise eine Selbstmord-Androhung oder ein solcher Versuch. Zumindest hat uns die Polizei hier mitgeteilt, dass uns da so lange die Hände gebunden seien, bis ein solcher konkreter Fall einträte.

Wie man sich nun vielleicht zumindest teilweise vorstellen kann, ist das "Zusammen"-Leben mit meinem Bruder für meine Eltern nicht sehr leicht, - und sie haben die letzten 10 Jahre auch wirklich alles versucht, nehmen bis zuletzt Rücksicht auf ihn wegen seiner Krankheit - momentan lässt sich mit ihm aber wirklich gar nicht mehr reden (verweigert das völlig oder wird aggressiv), er verschanzt sich in seinem Zimmer, und wird meinen Eltern gegenüber - wenn sie ihn denn einmal sehen - nur maßlos ausfallend. All die angenehmen Aspekte des "Bei-den-Eltern-Wohnens" nimmt er natürlich gerne an, sieht das sogar als sein Recht an.

Nun. Da wir ihn offensichtlich nicht in eine psychiatrische Betreuung einweisen können, stellt sich für uns die Frage, ob wir ihn denn zumindest irgendwie "rauswerfen" können, da ein Zusammenleben, wie angedeutet, nicht mehr möglich und meines Erachtens auch nicht zumutbar ist. Und außerdem natürlich, ob wir sonst irgendetwas tun können, auch wenn er sich weigert, denn ganz offensichtlich befindet er sich ja gerade in einem riesigen depressiven Tief, aus dem er alleine nicht mehr rauskommen kann.

Insgesamt bin ich recht verzweifelt, da ich weiß, dass meine Eltern mittlerweile auch wirklich an den Grenzen ihrer psychischen Belastung stehen und auch ich endlich möchte, dass sich da etwas ändert.

Vielen Dank schon mal!
LaPaloma




3 Antworten
Sortierung:
#1
 Von 
Mananblack
Status:
Frischling
(6 Beiträge, 0x hilfreich)

Hallo lapalomablanca,

ich bin kein Psychologe, aber es ist kein Kunstwerk zu wissen, dass es nicht leicht ist mit psychisch Kranken leuten umzugehen, wie ihr es ja auch bereits selbst erlebt (und ich auch).
Gründsätzlich ist es keine Selbstverständlichkeit, dass er bei euch wohnt, denn er ist immerhin 28 Jahre alt. Ihr hättet die Möglichkeit ihn vor die Tür zu setzen, nur die Frage ist ebend, inwiefern dies etwas bringt. Euch bringt das ein größeres Maß an Ruhe, nur wird es bei ihm vermutlich schlimmer oder ebend nicht. Das ist ja das, was man so schlecht einschätzen kann. Man kann es so oder so sehen. Vielleicht besinnt er sich etwas, wenn er weiß, dass er auf der Straße sitzt oder er bleibt weiterhin in seinem Trott.
Wegschauen sollte man dort meiner Meinung nach trotzdem nicht. Nur ist halt die Frage: Was soll man dagegen tun? In psychischer Behandlung war er ja bereits schon und wenn er nicht will, kann man ihn im prinzip auch nicht dazu zwingen (was ich bei solch einer Lage schon ziemlich bedenklich finde und da kommt ja wieder das Thema "Zwangseinweisung" in den Vordergrund)
Auf jedenfall ist es eine ziemlich schwierige Frage, was man dagegen tun soll. Vielleicht solltet ihr euch mal professionell beraten lassen?
Und man sollte es mit der Rücksicht auf diese Krankheit meiner Meinung nach nicht zu sehr übertreiben, weil er irgendwann merkt, dass er bemitleidet wird und das wird dann natürlich in einer Weise ausgenutzt und nur schlimmer.. Ihm sollte evtl. auch klar werden, dass dieses "Zu Hause wohnen" mit 28 Jahren keine Selbstverständlichkeit ist.

Ich konnte dir damit jetzt vermutlich nicht wirklich weiterhelfen, aber ich hab mal meine Meinung dazu gesagt, weil ich weiß, wie schwer soetwas sein kann.

Um deine Kernfrage nochmal zu beantworten: Ja, ihr könntet ihn vor die Tür setzen.

-- Editiert von Mananblack am 08.06.2017 22:51

0x Hilfreiche Antwort

#2
 Von 
fb367463-2
Status:
Schlichter
(7419 Beiträge, 3103x hilfreich)

Persönlich gesprochen: ich finde es ziemlich fragwürdig, wenn hier versucht wird mittels Einweisung etwas geradezurücken, was offensichtlich an Konsequenz versäumt wurde.

Ihre Eltern haben keinerlei Verpflichtungen mehr, den Sohn weiterhin bei sich aufzunehmen. Das gleiche gilt für die angenehmen Seiten des Hotel Mama, er kann bzw soll zum Jobcenter gehen, ALG 2 beantragen und schon mal sein eigenes Essen kaufen, Kleidung und was auch alles sonst noch dazu gehört. Am besten wäre, schriftlich eine eindeutige Frist von sage mir vier bis acht Wochen zu setzen und Ihnen dann tatsächlich schlicht vor die Tür zu kehren. Sollte er nicht gehen, gibt es verschiedene Möglichkeiten, von weniger bis mir unangenehm. Beginnen könnte man z.b. damit, dass man ihn alle Gegenstände entzieht, die ihm nicht direkt und konkret gehören. Ob es jetzt die Playstation oder das Laptop oder sonst irgendetwas ist. Ist es ein "Leihgerät", dass eigentlich den Eltern gehört? Weg damit. Duschen? Kauf dir welches, haste welches. Internet? Kauf auf Dir nen Surf Stick. Und so weiter. Irgendwann wird's ihm zu unbequem. Oder man verweist ihn tatsächlich des Hauses, wartet bis er außer Haus ist und tauscht die Schlösser aus und lässt ihn halt einfach draußen versauen.

Was dann aus ihm wird? Muss, ehrlich gesagt nicht wirklich interessieren, er ist erwachsen und Depressionen hin oder her, er muss sein Leben selbst gestalten. Dies gilt ganz besonders, wenn er denen gegenüber, die ihm eigentlich helfen und ihn durchfüttern, aggressiv und ausfallen wird! Da gäbe es bei mir kein Pardon. Die Erfahrung zeigt, das gerade solche Leute allerdings ganz erstaunlich gut ihre Sachen sortiert kriegen, wenn es keiner mehr für sie macht.



-- Editiert von fb367463-2 am 09.06.2017 00:50

Signatur:

"Valar Morghulis"

0x Hilfreiche Antwort

#3
 Von 
wirdwerden
Status:
Unbeschreiblich
(42593 Beiträge, 14764x hilfreich)

Mit psychisch Kranken ist es immer sehr schwer. Zumal, wenn wie hier, die Krankheit quasi als Feigenblatt für Verhalten genutzt wird. Wir haben bei Drogenkranken das Zauberwort "Co-Abhängigkeit." Das betrifft die Personen, die letztlich immer wieder helfen, unterstützen, weil "es ist ja eine Krankheit, er kann ja nichts dafür." Diese Co-Abhängigkeit ist aber überhaupt nicht weiterführend oder helfend. Ich möchte sie auch auf Euren Fall hier bei der Einschätzung anwenden. Was bedeutet, der Leidensdruck ist noch nicht groß genug, er muss sich nicht ändern, weil ihm ja immer jemand zur Seite springt, der ihm hilft und aus seiner Sicht das auch muss, weil er ist ja an allem schuld.

So Menschen können Familien zerstören, Angehörige auch. Und niemand, wirklich niemand muss das zulassen, das mit sich machen lassen. Der Bruder muss lernen, dass er, nur er für sich verantwortlich ist. Wenn er will, ist es sein gutes Recht, seine depressiven Phasen zu pflegen. Warum nicht. Aber eben nicht auf Kosten anderer, hier der Eltern.

Ich würde den Eltern raten, einen Anwalt einzuschalten. Also nichts selbst zu tun. Der Anwalt sollte eine Frist setzen, in welchem der Bruder die Wohnung zu räumen hat. Der Anwalt weiss, welche Formalien eingehalten werden sollten, damit es keinen Ärger mit dem "Schmalspurjuristen" gibt. Außerdem ist jedwede tatsächliche/finanzielle Unterstützung einzustellen. Der Bruder ist 28, also eine eigene Bedarfsgemeinschaft, so wird er auch vom Job-Center behandelt werden.

Viel Erfolg!

wirdwerden

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