Stornierung einer Reise durch das Coronavirus

Mehr zum Thema: Experteninterviews, Coronavirus, Reisende, Stornierung, Corona, Covid-19, Reiseveranstalter
4 von 5 Sterne
Bewerten mit: 5 Sterne 4 Sterne 3 Sterne 2 Sterne 1 Stern
4

Urlaubsreisen, Messeabsagen, Stornierungen - Was müssen von Covid-19 betroffene Reisende nun wissen?

Die Angst vor Corona geht um und macht auch vor der Reisebranche nicht halt. Wer möchte schon im Urlaub krank werden? Können Reisende Hotelbuchungen wegen der Corona Epidemie stornieren? Was gibt es dabei zu beachten? Rechtsanwältin Anja Merkel im Interview mit 123recht.de.

Es besteht kein gesetzliches Rücktrittsrecht wegen des Coronavirus

123recht.de: Frau Merkel, kann ein Mietvertrag für ein Messezimmer oder eine Hotelzimmerbuchung wegen des Coronavirus storniert werden?

Anja Merkel
seit 2007 bei
123recht.de
Rechtsanwältin
Könneritzstraße 7
01067 Dresden
Tel: 0351 2749353
E-Mail:
Erbrecht, Internationales Recht, Medienrecht, Reiserecht, Vertragsrecht
Preis: 89 €
Antwortet: ∅ 9 Std. Stunden

Rechtsanwältin Merkel: Ein Rücktritt des Kunden z.B. wegen Coronavirus von seinem individuell gebuchten Hotel- oder Messezimmer in Deutschland ist nur möglich, wenn ein Rücktrittsrecht im Vertrag ausdrücklich vereinbart wurde, ein sonstiges gesetzliches Rücktrittsrecht besteht oder wenn das Hotel der Vertragsaufhebung ausdrücklich zustimmt. Vertragliche Regelungen zur Stornierung finden sich in den AGB des Beherbungsvertrages. Ist dort ein Termin für eine kostenlose Stornierung angegeben, so kann der Kunde bis zu dieser Frist das Zimmer kostenlos stornieren.

Innerhalb der EU legen die Mitgliedstaaten selbst fest, ob für Stornierungen von Hotel- oder Messerzimmer Gebühren anfallen. Die Gesetzgebung von Spanien erlaubt eine kostenfreie Stornierung eines gebuchten Hotelzimmers wegen "höherer Gewalt“.

Erfahrungsgemäß verzichten Fluglinien, Busfernreiseanbieter, Eisenbahnen oder Hotels auf Stornokosten nur, wenn sie selbst die Leistungen nicht erbringen können oder der Zielort von Behörden gesperrt wurde.

123recht.de: Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang eine Störung der Geschäftsgrundlage nach § 313 BGB, kann man sich nicht darauf berufen und vom Vertrag einfach zurücktreten?

Rechtsanwältin Merkel: Kann der Beherbergungsvertrag nicht kostenfrei storniert werden, so kann gemäß § 313 BGB die Anpassung des Vertrages verlangt werden. Voraussetzung ist allerdings, dass sich Umstände, die Vertragsgrundlage sind, in schwerwiegender Art und Weise geändert haben, so dass der verpflichteten Partei das Festhalten am Vertrag nicht zugemutet werden kann. Gründe können z.B. sein, wenn es offizielle Reisewarnungen oder behördliche Abriegelungen gibt oder der Transport in die Region nicht möglich ist, weil Fluglinien ihren Verkehr eingestellt haben.

Anpassung des Vertrages bedeutet zunächst Umbuchung oder Gutschein. Erst wenn eine Anpassung des Vertrages nicht möglich oder nicht zumutbar ist, kann der Vertrag durch Rücktritt beendet werden.

Mehr Rechte für Gäste und Gastgeber über Airbnb

123recht.de: Was ist mit Vermietungen, die über Vermittler wie etwa Airbnb stattgefunden haben?

Rechtsanwältin Merkel: Airbnb hat als Reaktion auf die Ausbreitung des Coronavirus seine Richtlinien für besondere Umstände auf stark betroffene Regionen und bestimmte Situationen ausgedehnt, z. B. wenn beim Gastgeber oder Gast die Diagnose oder der Verdacht einer Infektion mit dem Coronavirus besteht oder der Gast aufgrund von Reisebeschränkungen der lokalen Behörden nicht anreisen kann. Der Gast erhält eine vollständige Rückerstattung, Gastgeber zahlen keine Stornierungsgebühren, Airbnb erstattet sämtliche Gebühren, Gastgeber können neue Buchungen für diese Reisedaten bestätigen, der Superhost-Status wird durch solche Stornierungen nicht beeinträchtigt.

Betroffene können sich auf der Homepage von Airbnb über die Details informieren.

Bei Pauschalreisen kann für Reisende ein kostenloses Rücktrittsrecht bestehen

123recht.de: Was ist mit schon lange gebuchten Urlaubsreisen?

Rechtsanwältin Merkel: Hier muss unterschieden werden zwischen Individualreisen, d.h. der Reisende bucht Hotels und Transport einzeln oder Pauschalreisen, d.h. der Reisende bucht mindestens zwei Reiseleistungen (z.B. Hotel und Transport) im Paket.

Bei Individualreisen gilt für Hotelbuchungen die bereits gemachten Ausführungen zu Hotelzimmerstornierungen. Bei Flügen kann wegen unvermeidbarer und außergewöhnlicher Umstände kostenlos storniert werden. Es besteht kein Ausgleich nach der FluggastrechteVO, wenn die Airline Flüge aufgrund des Coronavirus annulliert oder verspätet durchführt.

Bei Pauschalreisen kann der Reisende kostenfrei zurücktreten, wenn am Bestimmungsort oder in dessen unmittelbarer Nähe unvermeidbare, außergewöhnliche Umstände auftreten, die die Durchführung der Pauschalreise oder die Beförderung von Personen an den Bestimmungsort erheblich beeinträchtigen.

123recht.de: Macht es einen Unterschied, ob bereits eine Reisewarnung besteht oder nicht?

Rechtsanwältin Merkel: Ja. Wenn es für die Region, in die eine Pauschalreise geht, bereits eine offizielle Reisewarnung gibt, steht fest, dass unvermeidbare und außergewöhnliche Umstände vorliegen, die die Durchführungen der Reise beeinträchtigen. Hier können Sie einfacher von der gebuchten Reise zurücktreten.

Steigt die Infizierungsrate, müssen Reiseveranstalter für Rückbeförderung sorgen

123recht.de: Angenommen, ich bin bereits in einem Urlaubsgebiet, in dem sich die Fälle schlagartig häufen. Habe ich einen Anspruch auf einen Rücktransport?

Rechtsanwältin Merkel: Wenn Sie bereits im Urlaub sind und die Infizierungsrate am Urlaubsort steigt, kann der Reisevertrag gekündigt werden, wenn die weitere Durchführung der Reise unzumutbar ist. Umfasst der Reisevertrag auch die An- und Abreise, so muss der Reiseveranstalter bei einer Kündigung des Vertrags unverzüglich die Rückbeförderung der Reisenden organisieren. Die Mehrkosten der außerordentlichen Rückbeförderung trägt der Reiseveranstalter.

Rückerstattung von Standgebühren nur bei Absage der Messe

123recht.de: Auch Messen sind massiv von Absagen Betroffen. Was müssen Messeaussteller beachten?

Rechtsanwältin Merkel: Werden Messen aufgrund des Coronavirus vom Veranstalter abgesagt, werden die Verträge rückabgewickelt und bereits gezahlte Standgebühren in der Regel zurückerstattet. Im Falle der Verlegung der Messe bietet der Veranstalter auch weiterhin seine Leistung an, so dass der Aussteller auch weiterhin an der Messe teilnehmen kann, nur eben zu einem neuen Termin. Eine Rückerstattung der Standgebühr wird dann nicht vorgenommen.

Hotel- und Reisekosten müssen natürlich auch hier separat storniert werden. Ob dies kostenfrei möglich ist, ist abhängig von den jeweiligen Vertragsbedingungen. Es wird auf die dazu gegebenen Antworten verwiesen.

123recht.de: Vielen Dank für das interessante Gespräch.

Wollen Sie mehr wissen? Lassen Sie sich jetzt von diesem Anwalt schriftlich beraten.
Diskutieren Sie diesen Artikel