Was kostet ein Anwalt?

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Streitwert, Gebühren, RVG, Erfolgshonorar, Prozesskostenhilfe - hat man alles schon mal gehört, aber wie soll ein Laie das verstehen?

Viele Menschen scheuen den Besuch beim Anwalt, weil Sie Angst vor hohen Kosten haben. Doch was kostet die Beauftragung wirklich?

123recht.de im Gespräch über Kosten und Gebühren mit Rechtsanwältin Doreen Bastian.

Doreen Bastian
seit 2008 bei
123recht.de
Rechtsanwältin
Fachanwältin für Sozialrecht, Fachanwältin für Familienrecht
Wandsbeker Marktstraße 24 - 26
22041 Hamburg
Tel: 040 / 79691494
Web: http://www.rechtsanwaeltin-bastian.de
E-Mail:
Gebührenrecht, Sozialversicherungsrecht, Zivilrecht

123recht.de: Frau Bastian, was kostet ein Besuch beim Anwalt? Kann man das pauschal beantworten?

Rechtsanwältin Bastian: Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort, denn das Gesetz schreibt keine bestimmte Gebühr für eine Erstberatung vor. Viele Anwälte berechnen für eine umfangreiche Erstberatung das gegenüber Verbrauchern gesetzlich vorgesehene Maximalhonorar von 190,00 € zzgl. Post- und Telekommunikationspauschale zzgl. Mehrwertsteuer, das sind zurzeit 249,90 €. Andere Anwälte nehmen etwas weniger. Wenn die Beratung nur einen Aspekt oder eine kurze Frage betrifft, kann sie auch günstiger sein. Am besten erkundigt man sich darüber bereits vor dem Beratungstermin.

Eine kostenlose Erstberatung ist möglich

123recht.de: Gibt es eine Gebührenordnung, wonach sich jeder Anwalt richten muss?

Rechtsanwältin Bastian: Ja, diese gibt es. Das Rechtsanwaltsvergütungsgesetz – kurz: RVG. Ohne eine gesonderte Vereinbarung muss der Rechtsanwalt nach dem RVG abrechnen.

123recht.de: Darf der Anwalt auch weniger nehmen als die Gebührenordnung vorgibt? Und darf er kostenlos tätig werden?

Rechtsanwältin Bastian: Für die Erstberatung schreibt das RVG keine Mindestgebühr vor. Der Bundesgerichtshof hat daher im letzten Jahr die lange Zeit umstrittene Frage, ob eine Erstberatung auch kostenlos angeboten werden kann, dahingehend beantwortet, dass dies möglich ist. Im Bereich der außergerichtlichen Tätigkeit kann der Anwalt eine geringere als die gesetzliche Vergütung vereinbaren. Die Vergütung muss aber immer in einem angemessenen Verhältnis zur Leistung, Verantwortung und Haftungsrisiko des Anwaltes stehen, so dass hier eine kostenlose Tätigkeit nicht erlaubt ist. Bei einem gerichtlichen Verfahren darf der Anwalt grundsätzlich keine geringeren Gebühren als gesetzlich vorgesehen vereinbaren.

123recht.de: Anwaltsgebühren nach RVG hängen oft vom Streitwert ab. Wie berechnet sich der Streitwert?

Rechtsanwältin Bastian: Die Streitwertberechnung hängt grundsätzlich von der wirtschaftlichen Bedeutung ab und entspricht in den meisten Fällen der geltend gemachten Forderung. Das Gesetz sieht aber auch abweichende Bewertungen vor. So berechnet sich der Streitwert im Unterhaltsrecht z.B. nach dem Jahresbetrag der Unterhaltsforderung oder bei einer Kündigungsschutzklage nach dem dreifachen Bruttomonatseinkommen des Arbeitsnehmers.

123recht.de: Was für Positionen tauchen auf der Rechnung eines Anwalts auf?

Rechtsanwältin Bastian: Die Rechnung beinhaltet grundsätzlich die Gebühr bzw. Gebühren, die für die Tätigkeit des Anwaltes entstehen. Bei einer außergerichtlichen Tätigkeit ist dies regelmäßig die Geschäftsgebühr. In einem Gerichtsverfahren entstehen die sog. Verfahrensgebühr und Terminsgebühr. Wurde mit der Gegenseite ein Vergleich geschlossen, wird die Rechnung des Anwaltes auch eine Einigungsgebühr ausweisen.

Hinzu kommen immer die Post- und Telekommunikationspauschale sowie die Mehrwertsteuer. Weitere Gebühren, wie z.B Gerichtskosten, können zusätzlich aufgelistet werden, stellen aber nur einen durchlaufenden Posten dar, da diese Gebühren an das Gericht weitergeleitet werden.

Es können individuelle Honorare mit einem Anwalt vereinbart werden

123recht.de: Kann ich auch ein festes Honorar mit einem Anwalt vereinbaren?

Rechtsanwältin Bastian: Die Vereinbarung eines Pauschalhonorars ist möglich, wobei in einem gerichtlichen Verfahren die gesetzlichen Gebühren aber nicht unterschritten werden dürfen.

123recht.de: Was ist mit erfolgsabhängigem Honorar, oder Bonus-Vereinbarungen?

Rechtsanwältin Bastian: Ein Erfolgshonorar darf nur für den Einzelfall und nur dann vereinbart werden, wenn der Mandant aufgrund seiner wirtschaftlichen Verhältnisse bei verständiger Betrachtung ohne die Vereinbarung des Erfolgshonorars von der Rechtsverfolgung Abstand nehmen würde. In einem gerichtlichen Verfahren darf dabei für den Fall des Misserfolgs vereinbart werden, dass keine oder eine geringere als die gesetzliche Vergütung zu zahlen ist. Dann muss allerdings für den Erfolgsfall ein angemessener Zuschlag auf die gesetzliche Vergütung vereinbart werden.

123recht.de: Ich war beim Anwalt und hab mich nur mal erkundigt, ob mein Fall Chancen hätte. Plötzlich hab ich eine Rechnung im Briefkasten. Der Anwalt ist doch noch gar nicht für mich tätig geworden und wir haben auch keinen Preis vereinbart?! Muss der Anwalt vor der Beratung über Kosten aufklären?

Rechtsanwältin Bastian: Da auch die Beratung eine anwaltliche Dienstleistung darstellt, ist eine solche Rechnung möglich, auch wenn der Anwalt „gar nicht tätig“ geworden ist. Da man grundsätzlich nicht davon ausgehen kann, dass ein Rechtsanwalt kostenlos seine Dienstleistung anbietet, muss er nicht darauf hinweisen, dass überhaupt Kosten entstehen. Wird der Anwalt im Beratungsgespräch vom Mandanten beauftragt, muss er darauf hinweisen, dass sich die Gebühren nach dem Gegenstandswert berechnen, wenn eine gesonderte Vereinbarung nicht getroffen wird.

Die Gebühr für die Erstberatung kann auf das Mandat angerechnet werden

123recht.de: Kann ich mir eine Erstberatung, die beispielsweise online erfolgt ist, auf das Folgemandat anrechnen lassen?

Rechtsanwältin Bastian: Die Kosten einer Erstberatung sind immer bei der Folgetätigkeit des Anwalts anzurechnen, es sei denn, der Anwalt hat mit seinem Mandanten etwas anderes vereinbart.

123recht.de: Wer hat Anrecht auf Prozesskostenhilfe?

Rechtsanwältin Bastian: Mandanten mit niedrigen Einkommensverhältnissen können Anspruch auf Prozesskostenhilfe haben. Neben den Beziehern von Leistungen nach dem SGB-II und Sozialhilfe können hierzu aber auch Mandanten gehören, die geringes Einkommen aus einer Erwerbstätigkeit haben oder hohe monatliche Fixkosten.

123recht.de: An wen kann ich mich wenden, wenn ich die Rechnung eines Anwalts für überzogen halte?

Rechtsanwältin Bastian: Bei Streitigkeiten über die in Rechnung gestellten Gebühren besteht die Möglichkeit, sich an die Schlichtungsstelle der Rechtsanwaltschaft zu wenden. Die Schlichtungsstelle bemüht sich durch Vermittlung zu einer entsprechenden Lösung des Konflikts. Allerdings ist der Rechtsanwalt zu einer Teilnahme an diesem Verfahren nicht verpflichtet.

123recht.de: Vielen Dank!

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