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Prism, Behörden, Firmen, Eltern - Stasimethoden sind für alle da

Über den Nachrichten-Dienst WhatsApp kann man sehen, wann die Freunde sich das letzte Mal eingeloggt haben. Im Falle von pubertierenden Kindern kann das richtig nützlich sein. Schickt man seine 11-jährige Tochter und leidenschaftliche Quasselstrippe abends mit den Worten "Handy aus, Computer aus, Licht aus" ins Bett, kann man auf WhatsApp wunderbar sehen, ob sie sich heimlich doch wieder einloggt.

Quasselstrippe zuletzt online: 22.03 Uhr.

Das ist dann der Zeitpunkt, selbst eine WhatsApp Nachricht ins Kinderzimmer zu schicken:

"Ich sagte Handy aus!"

Die Antwort kommt prompt:

"Ja-ha!"

Ganz lustig, wenn es dabei bleiben würde. Aber einige Eltern scheuen sogar vor Stasi-Methoden nicht zurück. GPS-Überwachung des Handys inklusive Erstellung von Bewegungsprofilen etwa. Ist der Sohn auf dem Weg zur Schule oder hängt er irgendwo anders herum? Schule schwänzen, Billard spielen, heimlich Joint rauchen?

Kleine Peilsender im Rucksack, den Gameboy tracken. Das Surfverhalten überwachen, E-Mails der Kinder mitlesen. Wenn die Stasi das konnte, kann der Papa das auch. Seien wir mal ehrlich - einige Eltern würden ihren lieben Kleinen am liebsten einen Chip implantieren. Oder Satellitenüberwachung mit Videoübertragung nutzen.

Familienfeind Nr. 1.

Tatsächlich hat ein amerikanischer Vater nicht lange gefackelt und eine kleine Kamera an einen ferngesteuerten Hubschrauber gebastelt. Damit hat er dann den Schulweg des Kindes überwacht. Um im Falle von Kindesentführungen und sexuellem Missbrauch gewappnet zu sein.

Erziehungsexperten und Psychologen sind sich einig, dass derartige Formen der totalen Überwachung alles andere als gut für ein Kind sind. Wie soll ein von paranoiden Eltern überwachtes Kind jemals das nötige Vertrauen entwickeln, das Leben selbständig zu meistern? Ein ständig kontrolliertes und bewachtes Kind lernt nicht, Situationen und Gefahren selbst einzuschätzen. Was dem Kind genommen wird, ist seine Freiheit. Wie soll ein Mensch sich so ungezwungen entwickeln?

Rein rechtlich ist die GPS-Überwachung eines Kindes oder das Mitlesen von Mails ein Eingriff in das allgemeine Persönlichkeitsrecht des Kindes. Jeder Mensch hat dieses Recht, unabhängig von seinem Alter. Auch ein kleines Kind hat einen Anspruch auf Privatssphäre. Wollen Eltern dieses Recht beschneiden, müssen Sie das mit dem Kind besprechen. Hat das Kind die notwendige Reife und Einsichtsfähigkeit, kann es Veto einlegen. Eltern, die trotzdem einfach Briefe öffnen, Mails des Kindes lesen oder das Handy tracken, verstoßen gegen geltendes Recht - und zerstören Brücken zu ihrem Kind.

Im schlimmsten Fall für immer.

Es gibt viele technische Möglichkeiten der Überwachung. Erschreckend ist, dass wir immer weniger Probleme damit haben, diese auch einzusetzen. Legal und illegal. Und nicht nur werden wir ohne Gewissensbisse zum "Täter", zum Spitzel und Kontrollfreak - gegenüber den Kindern, der Familie, dem Partner. Wir machen uns auch freiwillig zum "Opfer" und geben unsere persönlichen Daten preis, wo und wann immer wir können.

Facebook, Google, Twitter, Foursquare. Nutzungsprofile, Kaufverhalten, Likes. Wenn wir unsere Daten, Standorte, Bewegungen und Gewohnheiten nicht freiwillig der Welt mitteilen, dann holt sie sich eine Firma eben selbst.

Microsoft liest nicht nur sämtliche Skype-Nachrichten mit, sondern nutzt und verwertet sogar über Skype "vertraulich" mitgeteilte Zugangsdaten. Das tollste daran: Microsoft gibt das auch ohne Umschweife zu.

Die Überwachung ist allgegenwärtig. Und über allem thront der Staat.

Die USA, mittlerweile auch liebevoll United Stasi of America genannt, schnüffeln in Abermillionen privater Telefon- und Internetdaten herum. Auch und gerade in unseren. Unter dem Codenamen Prism werden weltweit Daten abgegriffen und analysiert. Ohne Verdachtsmoment, ohne Gefahr im Verzug. Das soll Terroranschläge verhindern.

Die Marathon-Bomber in Boston hat das nicht aufgehalten.

In Deutschland ist man Meister der Schnüffelei, zumindest historisch. Das dritte Reich und die DDR perfektionierten die Überwachung der Privatssphäre. Unsere unrühmliche Geschichte ist ein Grund, warum das Bundesverfassungsgericht eine Rasterfahndung etwa nur bei "konkreter Gefahr" erlaubt.

Das hält deutsche Politiker nicht davon ab, die verfassungswidrige Vorratsdatenspeicherung weiterhin schönzureden.

Der Kater lässt eben das Mausen nicht. Bei einer deutschen Bloggerin kam es zur Hausdurchsuchung, weil sie scherzhaft darüber berichtete, dass ihre Kinder ihr zum Geburtstag einen Doktortitel verliehen hatten. Acht Beamte zu Hause, vier im Büro. Vorwurf: Titelmissbrauch.

In Bayern wurde eine Twitterin jüngst ebenfalls von zwei Polizisten besucht. Aus Sorge um Justizministerin Merk. Es ging um folgenden Tweet: "Wann Mollath freikommt? Diese Frage könnte man Frau Merk am Mo. 10.06.13 um 19 Uhr im Landgasthof Hofolding stellen."

Frau Merk sollte dort auf einer öffentlichen Veranstaltung eine Rede halten. Was an dem Tweet gefährlich sein sollte, konnten die Beamten auch nicht so genau sagen.

Kann eine GPS-Peilung im Falle einer Kindesentführung sinnvoll sein? Durchaus! Kann ein Telefonmitschnitt einen geplanten Terroranschlag verhindern? Durchaus!

Doch die Kehrseite sind unmündige Bürger, die ständig unter Beobachtung und Überwachung stehen. Die nicht lernen, Vertrauen zum Leben zu haben, sondern in Angst und Misstrauen aufwachsen. Die sogar freiwillig ihre Privatssphäre aufgeben - weil man das eben heute so macht.

Verwundert es da, wenn Eltern nun immer mehr dazu übergehen, ihre Kinder auf Schritt und Tritt zu überwachen? Eltern werden zu Stasi-Spitzeln gegenüber der eigenen Familie, weil ihre Angst steigt und die Hemmschwelle sinkt.

"Diejenigen, die für ein wenig vorübergehende Sicherheit grundlegende Freiheiten aufgeben, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit."

Dieses Zitat von Benjamin Franklin ist so aktuell wie nie. Doch es scheint uns mehr und mehr egal zu sein. Das Franklin-Zitat und der ewige Vergleich mit Orwell's 1984 wären mittlerweile stinklangweilig - wäre es nicht immer wieder so treffend.

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